Grenzerfahrung – Unsere Fahrt an die nordkoreanische Grenze

Als wir unsere Reise nach Seoul gebucht hatten war für uns schnell klar, dass wir die Gelegenheit nutzen müssen, um in die Grenzregion zwischen Nordkorea und Südkorea zu fahren. Von beiden Staaten war in der jüngeren Vergangenheit oft in den Medien zu lesen, sodass der Zeitpunkt für eine Fahrt in die Demilitarisierte Zone (DMZ) nicht besser hätte sein können.


Schon auf unserer Fahrt mit dem Kleinbus aus Seoul kommend in Richtung Norden war schnell zu sehen, in welche Richtung wir fuhren. Wir konnten beobachten, wie zwischen der Autobahn und dem Grenzfluss Hangang der mit Stacheldraht versehene Grenzzaun mit jedem gefahrenen Kilometer höher wurde und die Wachposten des südkoreanischen Militärs immer näher zusammenrückten. Mit diesen Vorrichtungen sollte verhindert werden, dass Flüchtlinge und Militär aus Nordkorea durch die Überquerung des Hangang das südkoreanische Staatsgebiet erreichten, wie wir von unserem Guide erfuhren. Immer mehr wurde uns nun bewusst, dass wir in die Grenzregion zweier Staaten fahren, die sich seit den 1950er Jahren faktisch noch immer im Krieg befinden. Wie sich das Gefühl, das wir dabei verspürten, genau beschreiben sollen lässt sich jedoch auch rückblickend nach der Reise nicht genau sagen – es war eine Mischung aus Spannung, Neugier und Unglaubwürdigkeit, dass wir uns Nordkorea nähern, das wir ansonsten nur in Verbindung mit Schreckensmeldungen rund um die atomare Aufrüstung kennen.

Nach ungefähr einer Stunde Fahrtzeit erreichten wir das erste Ziel unserer Tour, etwas nördlich der Grenzstadt Paju, Imjingang. Der Ort Imjingang hat eine bedeutende Geschichte zu erzählen, denn hier fanden in der Vergangenheit die Gefangenenaustausche zwischen Nordkorea und Südkorea statt. Südkoreanische Gefangene kamen aus der nordkoreanischen Gefangenschaft frei und kehrten über die „Freedom Bridge“ (Brücke der Freiheit) nach Hause zurück. Den umgekehrten Weg beschritten die nordkoreanischen Gefangenen über die „Bridge of no Return“ (Brücke ohne Rückkehr). Mit der historischen Bedeutung im Hinterkopf war es für uns etwas ganz besonderes über die hölzerne Freedom Bridge zu gehen, an deren Ende mittels einer Gedenkwand bestehend aus Transparenten, südkoreanischen Flaggen, Bildern, Blumen und Ausweisen von Soldaten an die Vergangenheit gedacht wird. Als wir in der Mitte der Freedom Bridge ankamen fiel uns zudem eine weitere Brücke ins Auge, welche uns bislang nur aus dem James Bond Film „Stirb an einem anderen Tag“ bekannt war. Eine Eisenbahnbrücke, die über den Grenzfluss Imjin führt und Imjingang mit dem Ort Dorasan in der Demilitarisierten Zone verbindet. Unweit der beiden Brücken ergab sich für uns zudem die Gelegenheit die Bell of Peace (Glocke des Friedens) zu besichtigen. Wie schön wäre es, die Bell of Peace klingen zu hören und zu wissen, dass Frieden auf der koreanischen Halbinsel herrscht.

Rund 45 Minuten waren nun bereits vergangen, seitdem wir in Imjingang angekommen waren. Die nächste Station unserer Tour befand sich bereits innerhalb der Demilitarisierten Zone, in der Stadt Dorasan.


Bevor wir jedoch in Dorasan ankamen wurden an der Überfahrt des Imjin unsere Pässe kontrolliert. Ein südkoreanischer Grenzsoldat stieg an der Grenzkontrolle in den Bus, um unsere Reisedokumente auf Richtigkeit zu prüfen – erst danach konnten wir die Fahrt fortführen.

Als wir nach kurzer Fahrt in Dorasan ankamen staunten wir nicht schlecht, als wir vor einem hochmodernen Bahnhofsgebäude aus dem Bus stiegen. Zwar verkehrten bereits heute Züge zwischen Südkorea und der DMZ zur Versorgung und für den Transport der dort lebenden Bevölkerung. Einen so modernen Bahnhof, wie wir ihn vorgefunden haben, hätten wir jedoch nicht erwartet, doch damit nicht genug. Hinter den Schaltern in der Bahnhofshalle arbeitete Bahnhofspersonal wie an einem viel befahrenen Bahnhof und auch die Anzeigen und Monitore über den Zugängen zu den Gleisen waren in Betrieb. Was noch fehlte war jedoch ein Zug! Besonders beeindruckend war für uns der Gleiszugang, welcher nach einem möglichen Kriegsende die Passagiere zum Zug nach Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas, führen soll. Der Optimismus und die Hoffnung Südkoreas auf ein baldiges Ende der Anfeindungen ist gerade im Bahnhof von Dorasan deutlich spürbar – nicht zuletzt, da bereits alles für eine direkte Zugverbindung von Seoul nach Pjöngjang, mit Zwischenstopp in Dorasan, vorbereitet ist. Für uns jedoch schien der Anblick des Schriftzuges „Pjöngjang“ an einem südkoreanischen Bahnhof zumindest für den Moment irreal und unvorstellbar. Selbstverständlich würden wir uns für die beiden Staaten und die Menschen in beiden Ländern freuen, wenn es endlich zu Frieden auf der koreanischen Halbinsel käme – aber letztlich bleibt die Vorstellung daran doch zumindest für den Moment noch in weiter Ferne.

Bevor wir erneut in den Bus stiegen, um zum nächsten Zwischenstopp aufzubrechen, ließen wir uns noch einen Ausreisestempel nach Nordkorea als Andenken auf den Informations-Flyer zur DMZ stempeln. Glücklicherweise hatten wir kurz zuvor von unserem Guide noch den Hinweis erhalten, dass wir den Stempel auf keinen Fall in unseren Pass stempeln lassen dürfen, da wir ansonsten mit Problemen bei der späteren Ausreise aus Südkorea zu rechnen haben.


Den nächsten Halt machten wir am Dora Observatory, einem Observatorium auf einem Berg kurz vor dem nordkoreanischen Staatsgebiet. Doch bereits die Auffahrt mit dem Bus wurde zu einem wahren Abenteuer. Nicht nur, dass unser Bus die steilen Hänge hinauf nur mit Mühe und lautem Motorengeräusch bewältigen konnte, trauten wir unseren Augen kaum, als wir während des Anstiegs einen Blick aus dem Fenster des Busses warfen. Stacheldrahtzäune versperrten den Weg von der Straße in den angrenzenden Wald – aber noch viel beunruhigender waren die roten dreieckigen Warnschilder, die am Stacheldraht befestigt waren und einen weißen Totenkopf mit der Aufschrift „Mine“ zeigten. Der Wald war mit unzähligen Landmienen vermint. Ein falscher Schritt hinter der Absperrung hätte zur Folge haben können, dass wir auf eine Miene treten und dabei schwere Verletzungen erleiden. Doch glücklicherweise saßen wir im Bus und brauchten uns über derartige Vorfälle keine großen Gedanken machen – mulmig wurde uns bei dem Gedanken durch ein Mienenfeld zu fahren jedoch schon.

Auf dem Berggipfel angekommen hatten wir nun die Gelegenheit für 500 WON durch eines der vielen Ferngläser nach Nordkorea zu schauen. Erneut schien es uns unglaublich und irreal, als wir durch das Fernglas schauend in der Ferne nordkoreanische Flaggen wehen sahen. Es war ungreifbar, dass wir an der Grenze zu einer der strengsten Diktaturen der Welt stehen. Leider war die Sicht an diesem Tag nicht besonders gut, sodass uns viele Blicke auch mit Fernglas verwehrt blieben. Wie sieht es wohl in Nordkorea aus? In wie fern unterscheidet sich Nordkorea von Südkorea und westlichen Staaten? Wie denkt die nordkoreanische Bevölkerung über westliche Werte, Ansichten und Lebensstandards? Diese Fragen und noch viele weitere Fragen stellten wir uns und unsere Neugier stieg nun sekündlich weiter. Die Antworten auf viele Fragen blieben jedoch aus.


Als letzte Station unserer Tour durch die Demilitarisierte Zone hielt der Bus am Eingang zum „Dritten Tunnel“. Der Tunnel ist einer von bisher vier entdeckten Tunneln, die Nordkorea in einer Tiefe von rund 70 Metern unter der DMZ hindurch in Richtung Seoul in den Fels gesprengt hat. Durch die Tunnel wollten die nordkoreanischen Machthaber im Angriffsfall zehntauende von Soldaten direkt und unbemerkt nach Seoul schicken, um die südkoreanische Hauptstadt einzunehmen. Glücklicherweise ist dieses Szenario bislang nicht eingetreten und vier dieser Tunnel konnten bereits entdeckt und verschlossen werden. Bis zu 20 weitere Tunnel werden von südkoreanischem und US Militär jedoch noch unterhalb der DMZ vermutet und nach wie vor gesucht. Auch dieser Abschnitt des Koreakrieges ist für uns in dem Moment nicht greifbar und schwer zu verstehen – Tunnel die von Nordkorea direkt nach Seoul führen und unbemerkt gebaut werden konnten, Platz für zehntausende nordkoreanische Soldaten boten und hunderte Kilometer lang waren.

Schließlich stiegen wir den 350 Meter langen Abgang in den Dritten Tunnel, bis wir die ca. 2 Meter hohe und ebenso breite Tunnelröhre erreichten. Die Tunnelwände waren nicht ausgekleidet, spitze Felselemente ragten in den engen Gang hinein und Grundwasser tropfte von der Decke des Tunnels auf unsere Köpfe herab. An den Tunnelwänden bildete sich Moos und es herrschte ein Engegefühl bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit. Es ist erschreckend und gleichzeitig beeindruckend, dass durch diesen Tunnel innerhalb einer Stunde mehrere zehntausend Soldaten mit leichter Bewaffnung durchgeschleust werden sollten.

Nach einer halben Stunde unter Tage waren wir glücklich die Enge hinter uns gelassen zu haben und wieder zurück an der Oberfläche zu sein. Wir stiegen in den Bus und fuhren zurück nach Seoul. Mit zunehmender Fahrtzeit bemerkten wir, wie der Grenzzaun weniger wurde und die Wachposten immer weiter auseinanderrückten.

Bei unserer Tour in die DMZ haben wir an diesem Tag unglaublich viel erfahren, sind in die Geschichte und die Gegenwart der koreanischen Halbinsel eingetaucht und haben eindrucksvolle Symbolik der Vergangenheit – wie die Freedom Bridge – und der Zukunft – Bahnhof in Dorasan – gesehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen des Westens und vor allem Südkoreas in der Zukunft zum erhofften Frieden führen.

Noch Fragen?
Solltest du weitere Fragen bzgl. einer Reise nach Südkorea haben, freue ich mich über deine Nachricht. Diese kannst du entweder über die Sozialen Medien oder direkt über das Kontaktformular senden.

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